Von Dr. Stefan Arend
Bei den WiBU-Management-Parkgesprächen 2026 präsentierte sich die Pflegewirtschaft als optimistische und kraftvolle Zukunftsmacherin. Zwei inspirierende Tage im Schlosshotel Reichenschwand im Nürnberger Land.
Nicht nur der verwunschene, naturbelassene Schlosspark in Reichenschwand im Nürnberger Land sorgte für besondere Momente der Inspiration, sondern auch die innovative Programmgestaltung der WiBU-Parkgespräche 2026: Workshops, Diskussionsrunden, die Arbeit mit dem japanischen Holzschwert und wegweisende Keynotes gaben Raum für die gemeinsame Reflexion und Analyse der aktuellen Aufgaben, Probleme und Herausforderungen der Pflege. Das Rahmenthema „Gemeinsam kraftvoll Zukunft gestalten” war aber auch eine geeignete Plattform für Ideen zur Zukunftsgestaltung der Branche.
Ein Branchentreff auf Augenhöhe
Die WiBU-Parkgespräche haben mittlerweile einen festen Platz im Terminkalender vieler Entscheiderinnen und Entscheider der Pflegebranche. Nach den bisherigen Stationen der vergangenen Jahre in Wörlitz, Münster, Würzburg, Bad Wilhelmshöhe / Kassel, auf Schloss Basthorst in Crivitz und in Bad Driburg war nun am 10. und 11. Juni 2026 die mittelfränkische Gemeinde Reichenschwand der Ort dieses ganz besonderen Branchentreffs, der sich durch sein agiles Format auszeichnet. Denn immer steht der gemeinsame Austausch auf Augenhöhe im Vordergrund: Mitmachen, Mitmischen, Mitgestalten statt frontale, schnell ermüdende Wissensvermittlung.
Das ist auch die Handschrift der Kämmer Beratungsgesellschaft, die gemeinsam mit WiBU inhaltlich für die Parkgespräche verantwortlich zeichnet. Und solche besonderen Formate braucht die Pflegebranche – mitten in der Transformation, mitten in einem dringend notwendigen Reformprozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist.
Klarheit und Fokus mit dem Holzschwert
Bereits die Pre-Opening-Sessions am Vormittag des ersten Tages setzten einen besonders interessanten, weil auch überraschenden Ton. Dr. Till Neunhöffer demonstrierte in einem Praxisworkshop, wie sich mit der fernöstlichen Aikido-Technik Klarheit und Fokus in die Unternehmensführung bringen lassen – und ließ in einem Praxisteil die Teilnehmenden bei Übungen mit dem japanischen Holzschwert den Fluss der Energien nachspüren. In seiner anschließenden Keynote zeigte er zudem auf, wie sich Konflikte in echte Kooperation verwandeln lassen. Wichtiger denn je!
Barcamp Digitalisierung – vom Reden ins Machen
Beim „Barcamp Digitalisierung in der Pflege” unter Leitung von Florian Owen (digatus care), Carsten Trapp (Carl Zeiss AG) und Natalie Valentin (Kämmer Beratung) ging es nach dem Motto „Vom Reden ins Machen” um den offenen Austausch mit konkreten Praxiserfahrungen und Strategien bei Digitalisierungsprojekten in der Pflege. Dabei war besonders die Perspektive aus der Industrie hilfreich, die Carsten Trapp, immerhin IT-Verantwortlicher des Weltkonzerns Zeiss, vermitteln konnte. Auch er kennt die Widerstände und Hindernisse, die es zu überwinden gilt, um Chancen und neuen Perspektiven nutzen zu können, die digitale Systeme – vor allem die Künstliche Intelligenz (KI) – eröffnen.
Ähnlich wie Florian Owen, der sich und sein Team von digatus care als Brückenbauer zwischen Pflege, Menschen, Prozessen und Technologie versteht, adressierte Carsten Trapp aber auch Gefahren. Etwa, wenn KI-Agenten und Superagenten Entscheidungen ohne den Menschen träfen. Das dürfe nicht geschehen, waren sich die Experten einig. Es brauche in den Unternehmungen daher zwingend KI-Kompetenz und das Verständnis für digitale Systeme.
Eine Stiftung als Impulsgeberin
Im Plenum, an beiden Tagen mit Umsicht und großer Kompetenz moderiert von Jan Kowalsky, Natalie Valentin und Karla Kämmer, referierte zunächst Olav Sehlbach. Seit über 30 Jahren ist er einer der wichtigen Taktgeber der Pflegebranche. Jetzt präsentierte er die von ihm initiierte gemeinnützige Stiftung Zukunft Altenpflege, die im September 2025 in Berlin gegründet wurde.
Sie versteht sich als Impulsgeberin für die professionelle Langzeitpflege und will deren Zukunft aktiv und optimistisch mitgestalten. Die Stiftung unterstützt daher Menschen und ihre Ideen, die zukunftsweisende Zeichen für die professionelle Langzeitpflege setzen, und fördert deren Austausch untereinander. Olav Sehlbach machte deutlich, dass die Stiftung gezielt dort fördern werde, wo bislang ganz offensichtlich Lücken bestehen.
Mut, Bestehendes in Frage zu stellen
Unternehmer, Zukunftsforscher, Innovator und – nach eigenen Worten – auch Aktivist Jörg Heynkes forderte sein Publikum provokant heraus: Wer Zukunft gestalten wolle, müsse den Mut aufbringen, Bestehendes konsequent in Frage zu stellen. Nein, noch radikaler: Man müsse bereit sein, Bestehendes sogar zu zerstören; auf Trümmern Neues schaffen!
Keine schöne Perspektive, die eher Angst macht als Energie gibt. Doch nach Heynkes lässt sich die Welt – und auch die Pflege – (noch) retten: durch Digitalisierung und durch zupackende, innovationsbereite Zukunftsmacherinnen und Zukunftsmacher, die diese neue Welt gestalten wollen und können. Denn dazu verhilft die KI mit einer völlig neuen Dimension der Mensch-Maschine-Interaktion. Mit ihr gebe es – da ist sich Heynkes sicher – kein Ende der Verbesserungen.
Das Rote Sofa – Klartext zur Lage der Pflege
Der zweite Tag der Parkgespräche stand ganz im Zeichen der fachlichen Vertiefung. Auf dem „Roten Sofa – Runde der Vielfalt”, moderiert von FAZ-Wirtschaftsredakteur und Ressortleiter Johannes Pennekamp, einem mittlerweile bekannten Gesicht auf den Parkgesprächen, diskutierten unter anderem Dr. Steffen Hehner (Alloheim Senioren-Residenzen), Prof. Dr. Uwe Ufer (Diakonie Michaelshoven), Falk Ostermann (Senvital Victor’s Group), Eva Lettenmeier (Kursana) und Carsten Trapp (Carl Zeiss AG) über die drängenden Fragen der Branche und zogen gemeinsam eine aktuelle Zwischenbilanz.
Es wurde deutlich, dass der „Patient Pflege” (Johannes Pennekamp) zum einen „chronisch krank” ist (Eva Lettenmeier) und sich das Pflegesystem an einigen Stellen zu einem „Frankensteinmonster mit viel Make-up” (Falk Ostermann) entwickelt hat. Um diese nunmehr über 30 Jahre alte Ordnung tiefgreifend zu verändern, braucht es selbstkritische und zupackende Gestalter wie Prof. Dr. Uwe Ufer („Lasst die Macher machen!”) und den realistischen Blick auf die Verhältnisse in den Einrichtungen, so wie ihn Dr. Steffen Hehner auf den Punkt brachte: „Unsere stationären Einrichtungen sind mittlerweile Krankenhäuser ohne Ärzte.”
Da passt es überhaupt nicht, wenn in den Heimen noch „wie vor 100 Jahren gearbeitet wird” (Eva Lettenmeier). Dem kann man aber mit „mehr Unternehmertum” (Prof. Dr. Uwe Ufer) und dem „Überwinden der Grabenkämpfe” (Falk Ostermann) begegnen. Da „die Demografie brutal zuschlägt” (Eva Lettenmeier), muss die Pflege – wie die Industrie – eng zusammenrücken, denn es gilt: „Zusammenarbeit oder Scheitern!” (Carsten Trapp).
Keine Frage: Die auf dem Podium greifbare Energie kann mit medialer Unterstützung und Begleitung (Johannes Pennekamp) spürbaren Einfluss auf die Weiterentwicklung unserer pflegerischen Sorgestrukturen nehmen.
Von der Idee zur Strategie – die Agilen Workshops: Das No-do-Gap schließen!
Wer aber die Zukunft der Pflege gestalten will, muss sie zuerst in Strategien und Konzepte übersetzen. Ohne Angst vor dem Weg dorthin, mit neuen Ideen und der Akzeptanz des manchmal noch Unfertigen. Genau dafür standen die Agilen Workshops in Reichenschwand. Die Teilnehmenden konnten aus unterschiedlichen Formaten und ebenso unterschiedlichen Themensetzungen wählen und sich einen individuellen Parcours zusammenstellen.
Bei „Design Thinking ist tot – es lebe Design Thinking!” nahmen Claudia Thonet (Agile Consulting) und Daniel Smentek (Accenture) eine der prägendsten Innovationsmethoden der vergangenen Jahre beim Wort und testeten, was von ihr bleibt, wenn Künstliche Intelligenz die Spielregeln des Innovierens neu schreibt. Mit verblüffenden Befunden: KI wurde zur Kollegin im Team und lieferte wichtige und wertvolle Optionen, wenn der Strategieprozess ins Stocken zu geraten drohte.
„Über Grenzen hinausdenken und handeln!” wagten Frédéric Lauscher (Frankfurter Verband) und Dr. Deborah Neumüller (Alten- und Behindertenhilfe e.V.) zusammen mit ihren Workshop-Teilnehmenden, die gewohnten Demarkationslinien zu verlassen. Zwischen Disziplinen, Sektoren und eingeübten Routinen. Das Ergebnis war ein Plädoyer für den Mut, Verantwortung über die eigene Zuständigkeit hinaus zu übernehmen.
„Heute für morgen bauen”: Karoline Weller (cosiq) führte durch ein Format, das sich zum einen – zusammen mit Kathrin Scharffenberg (Josias Löffler Diakoniewerk) – mit der Frage befasste, wie sich Vorhandenes, also bestehende Immobilien, zukunftsfähig weiterentwickeln lassen, und sich zum anderen – zusammen mit Kip Sloane (Schönes Leben) – dem (hoch)wertigen Neubau für ambulante Pflegewelten widmete. Zwei Zugänge also zur selben Leitfrage: Wie können – oder müssen – wir heute die Pflegeorte von morgen bauen?
Und last, but not least: Bei „Gemeinsam Pflege gestalten – der Versorgungspfad der Zukunft” rückten Christian Potthoff (Diakonie Michaelshoven) und Prof. Dr. Maria Christina Polidori (Universitätsklinikum Köln) den Versorgungspfad Pflege-Medizin ins Zentrum ihres gemeinsamen Workshops – jene Schnittstelle, an der sich entscheidet, ob Versorgung wirklich am Menschen ausgerichtet ist.
Pflege und Medizin aufs Engste miteinander verzahnt, in Verbindung von wissenschaftlicher Expertise und Gestaltungswille – das sollte beispielgebend für künftige Versorgungsstrukturen werden, um so das oftmals festzustellende und an sich unerträgliche Gap zwischen „knowing“ und „doing“ (Prof. Dr. Polidori) zu schließen.
Demografie als prägende Kraft des Jahrzehnts
Demografie ist unumstößliches Schicksal – jedenfalls fast. Diese These zieht sich durch Ruchir Sharmas Analyse in seinem vielbeachteten Buch über Aufstieg und Fall der Nationen (im Original „The rise and fall of nations“).
Sein Befund: Erfolg macht träge, (nur) Krisen erzwingen Reformen – nichts währt ewig. Mit seinem Hinweis auf Sharma überraschte Johannes Pennekamp das Publikum zum Abschluss noch einmal – mit einem mahnenden aber auch vor allem motivierenden „Feedforward“ der Parkgespräche.
Für Deutschland heißt der Befund: Eine alternde Gesellschaft bremst nicht nur die Wirtschaft, sie verschiebt auch die Bedarfe – hin zu Pflege, Gesundheit und Versorgung. Wer Sharmas Signale liest, erkennt: Der demografische Wandel ist keine ferne Drohung, sondern die entscheidende prägende Kraft des kommenden Jahrzehnts.
Dafür braucht es von der Pflege, so Pennekamp, ein Stück weit „Rebellentum gegen die Zwänge des Systems”. Der Geist und die Kraft dafür seien in der Pflege vorhanden. Denn das Jammern und die Jammerkultur seien spürbar gewichen. So seine Wahrnehmung als langjähriger journalistischer Begleiter der Pflegebranche.
Dank an Gastgeber und Team
Ein großes Lob sprachen die Teilnehmenden den Veranstaltern sowie den Gastgeberinnen und Gastgebern aus: dem Parkgespräche-Team von WiBU und Kämmer Beratung, Karla Kämmer, Natalie Valentin, Jan Kowalsky, Heike Maletke und Silke Meier, vor allem aber auch André Prentkowski, Mitglied des WiBU-Vorstands, sowie dem WiBU-Vorstandsvorsitzendem Dr. Christian Ferck und dem ganzen WiBU-Team.
Wie schön, dass die Planungen für die WiBU-Parkgespräche 2027 schon begonnen haben. Sie sollen in NRW stattfinden. Die Pflegebranche kann sich freuen.



